Integration – Schule leistet viel, aber nicht alles!

Seit dem zutiefst verabscheuungswürdigen und menschenverachtenden Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo und Kunden eines jüdischen Geschäftes in Paris setzte auch bei uns eine breite Diskussion über Migration und Integration ein. Sehr rasch stand die Schule im Mittelpunkt der Überlegungen, vor allem mit geforderten Maßnahmen gegen Integrationsunwillige, ein Wort, das aus Deutschland nach Österreich gelangte. Besonders heftig war der Disput über diesen Begriff innerhalb der SPÖ.

Bereits in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts sprach der Amerikaner Samuel P. Huntington vom „Kampf der Kulturen“[1] Nach dem Zerfall der Sowjetunion und dem Ende des Kalten Krieges keimte die Hoffnung auf eine friedliche Welt auf, was Huntington mit dem Verweis auf die Weltreligionen und deren Konfliktpotential in Frage stellte. Tatsächlich sind viele Konflikte, Bürgerkriege und Kriege der letzten Zeit stark religiös geprägt, alle Weltreligionen sind in diese moderne Gewaltspirale involviert. Dabei sind die Religionen in sich gespalten, so ist auch der Islam kein monolithischer Block, die größten Unmenschlichkeiten geschehen im Kampf zwischen Sunniten und Schiiten oder durch „rechtgläubige“ Extremisten, deren Fanatismus jeden treffen kann. Nach dem ebenso unfassbaren und unmenschlichen Nachfolgeattentat in Kopenhagen führte die dänische Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt aus: „Das hier ist kein Kampf zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen. Das ist ein Kampf zwischen der Freiheit des Einzelnen und einer dunklen Ideologie.“

Religionen wurden und werden durch ihre hohen emotionalen Ansprüche immer wieder von Macht- und Gewaltbesessenen für ihre inhumanen und sehr irdischen Zwecke missbraucht. Bei jeder religiösen Debatte ist von Bedeutung, dass die heiligen Schriften der Religionen den Geist ihrer Gründer und ihrer Entstehungszeit widerspiegeln. Buddha war ein Fürstensohn, der die Erlösung im Nicht-Begehren und der Entsagung suchte, Jesus, ein in Armut lebender Wanderprediger, dessen Denken besonders in den Seligpreisungen der Bergpredigt (Mt 5,3-10) hervortritt. Mohammed war ähnlich wie Jesus ein Endzeitprophet, der sich als Schlusspunkt einer Prophetenreihe sah und seinen Auftrag auch politisch und militärisch verstand. Der französische Romancier Michel Houellebecq stellt an den Beginn des fünften Kapitels seines neuesten Romans „Unterwerfung“ ein Zitat von Ajatollah Chomeini: „Wenn der Islam nicht politisch ist, ist er nichts.“ Beim Judentum und Hinduismus ist eine klare Zuordnung zu einer Gründerpersönlichkeit nicht möglich.[2]

Wie soll nun Schule mit diesen globalen theologischen Rahmenbedingungen, in die auch unsere Schülerinnen und Schüler alleine durch ihre Herkunftskulturen gestellt sind, umgehen? Als Leitlinie muss über allem die „Goldene Regel“ stehen: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.[3] Rücksichtnahme, Toleranz und Solidarität sind vor allem auch in den Familien und kleinsten Erziehungsgemeinschaften zu praktizieren. Die Schule als große Erziehungsgemeinschaft mit unseren Lehrerinnen und Lehrern an der Spitze hat bisher sehr viel bei der Umsetzung dieser Grundwerte geleistet. Sie muss daher auch in schwieriger werdenden Zeiten die notwendigen personellen Ressourcen wie zusätzliche BetreuungslehrerInnen, SozialarbeiterInnen und SchulpsychologInnen bekommen.

Das Erzwingen westlicher Werte und damit auch der Integration in unsere europäische Gesellschaft ist jedoch ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite sind unsere demokratischen und humanistischen Grundwerte nicht verhandelbar, sie sind durch den Verfassungsstaat zu schützen. Auf der anderen Seite kann eine demokratische und tolerante Gesinnung nicht verordnet werden. Religionen sind aber auch Verbündete beim Aufbau und Erhalt einer humanen Gesellschaft. Das Christentum kennt das Gebot der Nächsten- und Feindesliebe. Im Buddhismus wird vom Mönche Mitleid und Barmherzigkeit gefordert, der Mönch lässt davon ab, lebende Wesen zu töten. Im Islam formuliert Buchari[4] in einem Hadith (mündliche Überlieferung): „Der Prophet sprach: Keiner von euch ist gläubig, ehe er nicht seinen Bruder so liebt, wie er sich selbst liebt.“ Die Sufi-Bewegung Alâwiyya stellte nach dem Attentat von Paris unmissverständlich fest: „Niemals dürfen wir zugestehen, dass solche unaussprechliche Barbarei im Namen des Islam verübt wird.“[5]

Herzen werden durch Vorbilder gewonnen! Eine Politik, die Menschen gleich und gerecht behandelt, die Einkommensschere nicht aufgehen lässt, Jugend- und Altersarbeitslosigkeit bekämpft, sowie soziale Härten beseitigt, ist der beste Schutz gegen Ghettogesellschaften, religiöses und ideologisches Aufhetzen sowie Extremismus jeder Art.

von Dietmar Dragaric

[1] Englisch: „The Clash of Civilizations“

[2] Das Herausstellen von einzelnen Gründerpersönlichkeiten relativiert sich natürlich durch eine Kette von Nachfolgern, so sind beispielsweise Paulus und Kaiser Konstantin für das Christentum von besonderer Bedeutung, im Buddhismus sind der Lieblingsjünger Ananda und der indische Herrscher Ashoka wichtig, im Islam der Kalif Osman und Mohammed Al-Ghassali. Die Frage der Historizität von Religionsgründern würde eine eigene Abhandlung erfordern.

[3] Dieser aus dem Alten Testament und damit aus dem Judentum stammende Grundsatz (Tob. 4, 16) findet sich in vielen Weltkulturen, so auch im Islam und bei Konfuzius.

[4] Bedeutender islamischer Gelehrter 810-870.

[5] Kirche In, 2.2015, S. 25.