Wie haben die das gemacht?

Die VWA im Schatten der Hochkulturen

Ist es ein Fluch, der über der Neuen Reifeprüfung liegt? Oder handelt es sich dabei um ganz banale Probleme im technischen und/oder organisatorischen Bereich, die vermeidbar gewesen wären?

Betrachtet man die bisherigen Aufregungen rund um die VWA, wird man feststellen, dass es dabei weniger um Sinn und Unsinn dieser vorwissenschaftlichen Arbeit geht oder gar um die sie verfassenden Schülerinnen und Schüler, sondern in erster Linie darum, was beim Hochladen der fertigen Arbeiten, bei der Plagiatsprüfung oder bei der Einreichung der Themenstellungen durch die kommenden Maturajahrgänge jetzt wieder schief gegangen ist.

Pflichtbewusst, wie wir Lehrenden und auch viele unserer Schüler/innen sind, beginnen wir nachzudenken, ob wir vielleicht im Umgang mit der neuartigen Software einen Fehler begangen haben könnten, der den uns anvertrauten Kandidatinnen und Kandidaten schaden könnte, anstatt von vorneherein anzunehmen, dass die Software absolut nicht funktioniert und mit der schieren Anzahl und Menge der Uploads schlicht überfordert ist.

Nach einer mehrjährigen Vorbereitungszeit und der Arbeit von unzähligen Menschen an ebenso vielen Stellen, die noch unzähligere Arbeitsstunden in die Entwicklung und die Koordination der neuen Reifeprüfung investiert haben müsste eine derartige Pannenserie doch eigentlich ausgeschlossen sein, sollte man annehmen. Doch die Realität der hat uns eines besseren belehrt…

Längstes Projekt der Menschheitsgeschichte…

Gefühlter Maßen hat kein Projekt der Menschheitsgeschichte eine längere Vorlaufzeit gehabt als die Zentralmatura- seit Jahren gibt es z.T. verpflichtende Fortbildungsangebote zur Reifeprüfung Neu und v.a. zur VWA, die ja den im zeitlichen Ablauf ersten Schritt und auch die erste Säule derselben darstellt, unzählige Fachgruppensitzungen und -konferenzen sowie pädagogische Nachmittage haben stattgefunden um die sich permanent ändernden Informationen zur NRP möglichst schnell unter die Leute zu bringen.

Wenn man bedenkt, dass der Bau einer der großen Pyramiden von Gizeh 20-30 Jahre in Anspruch genommen hat und das ohne die Kenntnis des Rades, ohne technische Hilfsmittel, lediglich durch Handarbeit mit einfachsten Werkzeugen und selbstverständlich der offensichtlich genialen und minutiösen geistigen Leistungen von Astronomen, Mathematikern, Baumeistern… , die nichts anderes als Tontafeln und Papyrus zum Aufzeichnen ihrer Gedanken und Berechnungen zur Verfügung hatten, und diese Meisterleistungen mit den ersten Ergebnissen des 5 Jahre vorbereiteten Projekt „VWA“, vergleicht, dann drängt sich einem unwillkürlich die Frage auf, wie die alten Ägypter denn solche wissenschaftlichen und bautechnischen Großtaten vollbringen konnten ohne auch nur eine einzige Zeile hochzuladen…!

Im Mittelpunkt die Datenbank

Man hat den Eindruck, nicht die eigentliche Arbeit unserer Kandidatinnen und Kandidaten steht im Mittelpunkt des Interesses, sondern die Tatsache, dass diese in irgendeine Datenbank hochgeladen und dort bis zum Sankt Nimmerleinstag archiviert wird. Wobei die Lebensdauer digitaler Medien ja ausgesprochen kurz ist und es daher eher unwahrscheinlich ist, dass von unserem irdischen Dasein überhaupt irgendetwas Gedachtes, Geschriebenes oder gezeichnetes für die Nachwelt erhalten bleibt. Tontafeln, Papier, oder gar Stein, in den viele Schriften gemeißelt oder der durch wunderbare Malereien den Rang eines Kunstwerkes erhoben wurde, sind Materialien, nahezu für die Ewigkeit gemacht und ebenso lange werden die auf ihnen festgehaltenen Ideen, Gedanken und Bilder die Zeiten überdauern. (Auch wenn es im Falle mancher VWAs möglicherweise keinen allzu schmerzlichen Verlust für die Menschheit darstellt, sollten diese im Laufe der Zeit verloren gehen.)

Die großen Leistungen der Menschheitsgeschichte, beginnend bei den Höhlenmalereinen von Lascaux und Altamira, den bereits erwähnten Pyramiden von Gizeh, den Tempelanlagen von Luxor und Angkor Watt, über die römischen Aquädukte und Monumentalbauten, die Schriften von Sokrates, Aristoteles und Platon, die wissenschaftlichen Erkenntnisse eines Archimedes, eines Kopernikus, eines Johannes Keppler oder eins Galileo Galilei, die Genialität eines Michelangelo oder eines Leonardo da Vinci, den seine für die damalige Zeit bahnbrechenden Ideen und Skizzen bis heute zu einer Art Popstar gemacht haben über die unvergleichlichen Kunstwerke eines Rubens, eines Rembrandts oder eines Van Goghs, die musikalische Virtuosität eines Mozart, die Symphonien von Beethoven oder die melodischen Opernklänge eines Giuseppe Verdi, die in ihrer emotionalen Tiefe heute scheinbar zeitlos sind, in der Zeit ihrer Entstehung jedoch einen zutiefst politischen Subtext gehabt haben, über die literarischen Meisterwerke von Schiller und Goethe, dessen Faust bis heute unübertroffen die Ambivalenz des menschlichen Geistes zwischen Ehrgeiz und Moral geschildert hat, Bertha von Suttners flammenden Appell gegen Krieg und Gewalt bis hin zu den unvergesslich schaurig schönen Morden einer Agatha Christie, – um nur einige ganz wenige und vollkommen willkürlich ausgewählte Glanzlichter des Menschlichen Geistes zu nennen – haben bei aller Unterschiedlichkeit der Disziplinen eines gemeinsam: sie wurden mit Hilfe von Papier, bzw. Stein und Schreibgerät den Menschen näher gebracht und für die Nachwelt erhalten. Und das erstaunlicher Weise vollkommen ohne Plagiatspüfungssoftware…!

Seit tausenden von Jahren

Seit circa 5000 Jahren verfassen Schülerinnen und Schüler Texte, die von Lehrerinnen und Lehrern korrigiert werden und seit mindestens ebenso langer Zeit beklagen eben diese mehr oder weniger geplagten Lehrpersonen Arbeitshaltung und Benehmen der ihnen anvertrauten Lernenden. Angesichts dieser langen Erfolgsgeschichte und der Sternstunden, die diese Art des Lernens hervorzubringen vermochte und vermag, stellt man sich die Frage, ob man ein derart bewährtes System wirklich ändern, bzw. um eine elektronische Komponente erweitern muss, die nicht nur absolut keinerlei pädagogischen Wert für die Kandidatinnen und Kandidaten hat, sondern dabei auch noch einen großen Teil der in die, seitens der Jugendlichen und der sie Betreuenden in die VWA gesteckte Energie auf sich zieht.

Keine Zeit für Optimisten

Als geborener Optimist – aber wirklich nur als solcher – könnte man dem natürlich entgegen halten, dass auch das System „Schule“ sich den veränderten Arbeits- und Lebensbedingungen der modernen Zeit hinsichtlich der zu vermittelnden Inhalte und der Methoden, die hierzu angewandt werden, anpassen muss. In diesem Zusammenhang scheint die Forderung, dass die Jugendlichen lernen müssen, den Computer nicht nur zur Freizeitgestaltung zu benutzen, sondern spezifische Software in adäquater Weise anzuwenden, durchaus nachvollziehbar.

Weniger optimistisch könnte man der VWA-Datenbank, bzw. denjenigen, die diese ins Leben gerufen haben ein inhärentes Misstrauen gegenüber Lernenden und Lehrenden attestieren, dahingehend, dass im Falle der simplen Abgabe einer physischen Arbeit zu einem bestimmten Zeitpunkt beim Betreuer/ der Betreuerin kein letztgültiger Beweis für die korrekte und zeigerechte Abgabe existiert außer dem Wort von Lehrer/in und Schüler/in. Mit dem Hochladen zu einem bestimmen Termin kann man scheinbar den menschlichen Faktor als mögliche Fehlerquelle ausschalten.

Man könnte auch ganz pragmatisch feststellen, dass es eben bequemer ist, den Computer Titel und Inhalte von jährlich tausenden Arbeiten katalogisieren und vergleichen zu lassen, anstatt viele Stunden Arbeit zu investieren, um dies mit herkömmlichen Methoden zu tun.

In allen diesen Fällen stellt sich aus meiner Sicht die Frage, ob die dafür getätigten Ausgaben in einem auch nur einigermaßen akzeptablen Verhältnis zu dem zu erwartenden Nutzen stehen – sich neudeutscher Ausdrucksweise bedienend müsste man den Input dem Outcome gegenüberstellen.

Aber selbst wenn man alle Zweifel an der ökonomischen und pädagogischen Sinnhaftigkeit der VWA-Datenbank beiseite wischt und auch an der Möglichkeit, Schüler/innen und Lehrer/innen besser kontrollieren zu können nichts Verwerfliches findet, so lässt sich eine unumstößliche Tatsache, die ein ständige Begleiter der der Neuen Reifeprüfung zu sein scheint und wie ein Fluch über dieser liegt, nicht wegdiskutieren – nämlich, dass weder das Hochladen der fertigen Arbeiten, noch die Plagiatsprüfung, noch das Einreichen der neuen Arbeiten auch nur ansatzweise klaglos funktionieren.

Dass der Abschluss des schriftlichen Teiles der VWA – die Präsentationen laufen ja gerade – dennoch irgendwie funktioniert hat, ist ausschließlich der engagierten und geradezu aufopferungsvollen Arbeit von Betreuer/innen und Kandidat/innen zu verdanken und v.a deren Kreativität und reichem Erfahrungsschatz im Umgang mit nicht-funktionierenden Systemen…

Trotz der – ähnlich einer tibetanischen Gebetsmühle – widerholten Beruhigungen und Beschwichtigungen in Richtung der uns anvertrauten jungen Menschen, dass diese nicht für systemimmanente Fehler zur Rechenschaft gezogen werden können, dass es nicht deren Problem sein kann und auch auf gar keinen Fall sein darf, wenn das Hochladen ihrer Werke aufgrund technischer Probleme nicht erfolgreich möglich wäre, hat sich bei den meisten eine undefinierbare Angst ausgebreitet, dass dieser Fehler an dem sie nachweislich unschuldig sind, auf sie zurückfallen, bzw. in die Beurteilung ihrer VWA einfließen könnte – nach der Monatelangen Arbeit daran, ja auch nicht ganz unverständlich.

Dementsprechend haben sich einige den Wecker um 2 Uhr in der Früh gestellt, in der Hoffnung, dass nicht alle anderen auch auf diesen glorreichen Gedanken kommen und zu demselben Zeitpunkt ihre Arbeiten hochladen würden. Betreuende Lehrpersonen wiederum haben gefühlte Tage am Computer verbracht, die Datenbank gleich dem Orakel von Delphi – und mit ähnlich konkreten Antworten – befragend, ob der Plagiatsprüfungsbericht nicht doch irgendwann fertig sein würde.

Bei allem Chaos eine gute Idee…

Wenn man diesem blanken Chaos etwas Positives abgewinnen könnte, dann dass sich im Zuge dessen wie selten zuvor eine produktive und vollkommen gleichwertige Zusammenarbeit zwischen Lehrerinnen und Schülerinnen entwickelt hat, denn in diesem Fall haben wir alle ausnahmslos am selben Strang gezogen – im Kampf gegen das System vereint, gewissermaßen.

Trotz der problematischen Implementierung halte ich es für eine ausgezeichnete Idee, gerade in schnelllebigen Zeiten wie diesen, die Schülerinnen und Schüler längere Zeit kontinuierlich an einer Themenstellung arbeiten und sie diese formulieren zu lassen. Diesem Grundgedanken der VWA kann ich aus pädagogischer und menschlicher Sicht viel abgewinnen.

Eine gelungene VWA kann dazu beitragen, das Selbstbewusstsein ihrer Verfasser/innen zu stärken, denn diese halten am Ende die Früchte von eineinhalb Jahren Arbeit in Händen – etwas, das sie noch nie zuvor vollbracht haben. Auch die Beziehung zwischen Schülerinnen und Betreuerinnen vertieft sich im Laufe der Arbeit und das ist wiederum etwas, das man als Lehrerin und Lehrer im Alltag nicht oft erlebt, denn für Einzelbetreuung sind in Klassen mit tw- 33 Schülerinnen weder Zeit noch Raum. Gelegenheiten im Schulalltag, bei denen Schülerinnen und Lehrer/innen gleichermaßen die Gelegenheit haben ihre Fähigkeiten auf fachlicher, didaktischer und v.a. menschlicher Ebene zu erweitern, sind aus meiner ganz persönlichen Erfahrung nicht nur eher selten, sondern v.a. auch die Highlights des Lehrer/innendaseins – quasi der Grund, aus dem man diesen Beruf ergriffen hat. (Dass die Betreuung in manchen Fällen ganz und gar kein erhebendes Gefühl ist, sondern eine/n vielmehr zu der Frage verleitet, was man hier eigentlich tut, ist die andere Seite….)

… wenn auch nicht für alle

Die VWA hat auf jeden Fall Potential und bietet die Gelegenheit, viele junge Menschen zu Höchstleistungen zu motivieren. Viele – aber nicht alle…

Diejenigen, deren Muttersprachen nicht Deutsch ist und die zu Hause keine Unterstützung beim Verfassen oder Korrekturlesen haben, sind mit Sicherheit die großen Verlierer/innen dieser verpflichtenden Säule der Matura, die nicht durch andere Leistungen kompensiert werden kann, weil sie für sich alleine steht.

Aus meiner Sicht ist es durchaus zu hinterfragen, ob eine VWA wirklich für alle verpflichtend sein muss oder wie man diese in den Rahmen der Matura einbettet. Ist es wirklich notwendig, die VWA ohne Kompensationsmöglichkeit alleine für sich stehen und die Präsentationen an einem gesonderten Termin stattfinden zu lassen. Meines Erachtens nach, nimmt diese zeitliche Aufteilung der Matura etwas von ihrer wichtigsten Aufgabe – ihrer Bedeutung als feierlichem Initiationsritus in die Phase der Adoleszenz.

Auch der unglückselige Titel „Vorwissenschaftliche Arbeit“ ist äußerst fragwürdig, denn wie würden in sprachlicher Analogie verfasste nach – neben und zwischenwissenschaftliche Arbeiten aussehen. Überhaupt bleibt dahingestellt, ob es die Aufgabe der AHS sein kann, flächendeckend wissenschaftliches Arbeiten zu trainieren, denn eigentlich sollte in der AHS eine möglichst breit gefächerte Allgemeinbildung vermittelt werden, die per se schon einen Wert darstellt und nicht ausschließlich auf das Studium vorbereiten.

Wenn man die Neue Reifeprüfung perfekt in die VWA integrieren und den Anforderungen sämtlicher Teilbereiche und Aspekte derselben „über das geforderte Ma hinaus“ statt lediglich „zur Gänze“ gerecht werden möchte, sollte man eine Themenstellung bearbeiten lassen, die sich an folgender Leitfrage orientiert:

„Wie kann es sein, dass hunderte Menschen in allen österreichischen Bildungsinstitutionen tausende Stunden an Entwicklung und Koordination der Neuen Reifeprüfung arbeiten und dabei so wenig funktioniert…?“

von Isabella Kaiser